Proxmox Virtual Environment
Proxmox VE als alternative Virtualisierungsplattform – eine technische und strategische Einordnung
Die Übernahme von VMware durch Broadcom hat in vielen Organisationen für spürbare Unsicherheit gesorgt. Neue Lizenzmodelle, veränderte Produktstrategien und deutlich steigende Kosten zwingen Unternehmen dazu, ihre Virtualisierungsstrategie zu überdenken. Als Multivendor-Systemintegrator betrachtet ITRIS One diese Entwicklung bewusst neutral. Unser Anspruch ist es, Kunden technologieoffen zu beraten – sowohl im VMware-Umfeld als auch bei der Evaluierung valabler Alternativen.
Im Zentrum jeder Entscheidung steht dabei nicht ein einzelnes Produkt, sondern die übergeordnete IT- und Betriebsstrategie einer Organisation. Welche Anforderungen bestehen an Stabilität, Automatisierung, Skalierbarkeit, Kostenkontrolle und Betrieb? Und wie viel technisches Know-how soll oder kann intern aufgebaut werden? Vor diesem Hintergrund rückt Proxmox Virtual Environment (VE) zunehmend in den Fokus.
Oliver Graf
Senior Solution Architect Datacenter
ITRIS One AG
Was ist Proxmox Virtual Environment (VE)?
Proxmox VE ist eine Open-Source-Virtualisierungsplattform auf Basis von Debian GNU/Linux. Sie kombiniert zwei etablierte Virtualisierungstechnologien in einer einheitlichen Lösung:
- KVM (Kernel-based Virtual Machine) für die klassische Hardwarevirtualisierung virtueller Maschinen. Fast alle VMware vSphere Alternativen bauen auf KVM auf.
- LXC (Linux Containers) für eine containerbasierte Virtualisierung auf Betriebssystemebene
Ein zentrales Merkmal von Proxmox VE ist die auf jedem Node integrierte, webbasierte Management-Oberfläche. Über diese können Hosts, VMs, Container, Storage und Netzwerke vollständig verwaltet werden, ohne dass zusätzliche Management-Komponenten erforderlich sind. Aus unserer Erfahrung senkt dies die Einstiegshürde deutlich und vereinfacht den operativen Betrieb.
Während KVM eine vollständige Isolation und damit klassische Servervirtualisierung bietet, teilen sich LXC-Container den Kernel des Hosts. Dadurch sind sie wesentlich ressourcenschonender und eignen sich besonders für Workloads wie Webserver, Datenbanken oder Microservices, bei denen keine vollständige Hardwareisolation erforderlich ist. Die parallele Nutzung beider Ansätze innerhalb einer Plattform schafft eine hohe Flexibilität für unterschiedliche Anwendungsszenarien.
Stärken von Proxmox VE
Folgende wichtige Aspekte sprechen für den Einsatz von Proxmox VE:
- Kostenstruktur: Die Software selbst ist durch den Open-Source-Ansatz lizenzkostenfrei. Kosten entstehen ausschliesslich für optionale Subscriptions und Support.
- Flexibilität: Unterstützung von VMs und Containern innerhalb derselben Plattform.
- Hochverfügbarkeit: Clusterbetrieb mit integriertem High Availability-Mechanismus (HA).
- Live-Migration: Online-Verschiebung von VMs zwischen Nodes, etwa für Wartungsarbeiten oder Lastverteilung.
- Storage-Vielfalt: Unterstützung lokaler Storage-Technologien wie ZFS oder LVM ebenso wie Netzwerk-Storage (NFS, SMB, iSCSI, NVMe/TCP).
- Ceph-Integration: Nahtlose Einbindung der Open-Source-SDS-Lösung Ceph für hochverfügbaren, skalierbaren Storage.
- Backup-Ökosystem: Integrierte Backup-Funktionen sowie enge Verzahnung mit dem Proxmox Backup Server (PBS) und Unterstützung durch Enterprise-Lösungen wie Veeam.
Gerade die Kombination aus ZFS, Ceph und KVM bietet technisch versierten Teams eine sehr leistungsfähige Grundlage für den Aufbau moderner Infrastrukturen.
Proxmox VE – unsere Einschätzung
Wenn wir das Gesamtbild betrachten und berücksichtigen, dass Proxmox VE beide Virtualisierungsformen parallel betreibt und über eine zentrale Benutzeroberfläche verwaltet, finden wir, dass Proxmox VE eine einzigartige Flexibilität bietet, die es ermöglicht, dynamisch auf die Anforderungen verschiedenster Workloads zu reagieren.
Open Source als Geschäftsmodell – unsere Einordnung
Das Proxmox-VE-Modell unterscheidet sich grundlegend von dem der proprietären Anbieter, was wir sehr interessant finden. Der Quellcode ist unter der freien GNU-Lizenz (AGPLv3) veröffentlicht, sodass eine kostenfreie Nutzung und Modifikation möglich sind. Das bedeutet, dass der Download und die Installation auf Bare-Metal-Hardware ohne jegliche Lizenzgebühr erfolgen können. Dadurch wird die Einstiegshürde erheblich gesenkt, weshalb Proxmox eine attraktive Option für budgetbewusste Organisationen, Bildungseinrichtungen und private Anwender ist.
Die Proxmox Server Solutions GmbH generiert ihren Umsatz nicht über Softwarelizenzen, sondern über Subscriptions, die Zugang zu getesteten Enterprise-Repositories, regelmässigen Sicherheitsupdates und professionellem Support bieten. Ohne diese Subscriptions steht nur die Community-Version zur Verfügung, die nicht so stark getestet wird, da sie von der Community selbst betreut wird.
Aus unserer Sicht ist dieses Modell transparent, fair und insbesondere im Hinblick auf Souveränität äusserst interessant. Es reduziert das Risiko eines Vendor-Lock-ins erheblich, da die Kernsoftware jederzeit frei zugänglich bleibt. Für produktive Umgebungen empfehlen wir dennoch klar den Einsatz einer Subscription, um Stabilität, Sicherheit und einen planbaren Betrieb zu gewährleisten.
Ergänzend dazu gibt es eine sehr aktive Community mit über 240’000 Mitgliedern im Support-Forum (https://forum.proxmox.com). Diese kollektive Intelligenz stellt insbesondere für Standard-Szenarien und Troubleshooting eine wertvolle Wissensbasis dar.
Proxmox VE versus VMware vSphere – Der Vergleich
Der klassische Vergleich zwischen Open Source und Enterprise ist ein Wettkampf zwischen einer flexiblen, kostenbewussten Open-Source-Lösung und einem proprietären Enterprise-Produkt. Die Haupttreiber einer solchen Entscheidung sind meist die Kosten und die Lizenzen. VMware basiert auf einem proprietären Lizenzmodell, was bedeutet, dass professioneller Support und Funktionen kostenpflichtig sind. Diese Kosten können, besonders bei grösseren Installationen, sehr hoch sein und in einem Subscription Modell weitere Unsicherheiten mit sich bringen.
Proxmox VE eliminiert im Gegensatz dazu die obligatorischen Lizenzgebühren vollständig. Das Modell setzt auf einen optionalen Support, den man je nach den Bedürfnissen des Unternehmens buchen kann. Dieser massive Kostenunterschied macht Proxmox VE unserer Meinung nach zu einer hervorragenden Wahl für KMUs aber auch für voll automatisierte Datacenter Infrastrukturen, bei denen das Budget eine entscheidende Rolle spielt. Ein grosser Vorteil ist auch, dass Proxmox VE sehr oft in Homelabs und diversen Projekten eingesetzt wird, was stark zur Verbreitung des Produkts beiträgt.
Ein Blick auf Funktionsumfang und Management
VMware bietet ein umfangreiches und ausgereiftes Ökosystem, dessen zentrales Management-Tool der vCenter Server ist. Es beinhaltet vMotion für die nahtlose Migration von Virtuellen Maschinen (VMs), vSphere High Availability (HA) für automatische Failover und Distributed Resource Scheduler (DRS) für die Lastverteilung. Dies sind hochentwickelte Enterprise-Funktionen, die bei VMware möglich sind. Man muss aber beachten, dass zu Verwendung solcher Enterprise-Funktionen die entsprechenden Lizenzen benötigt werden.
Das Ökosystem von Proxmox VE ist zwar noch nicht so ausgereift wie das von VMware, dafür ist es mit seiner integrierten, intuitiven, webbasierten Oberfläche benutzerfreundlich gestaltet, was den Einstieg vereinfacht. Auch Proxmox VE bietet Live-Migration und HA. Allerdings sind diese Funktionen in einigen sehr spezifischen Enterprise-Szenarien unserer Meinung nach noch nicht auf dem gleichen Level wie bei VMware. Man darf aber die rasante Entwicklung von Proxmox VE nicht vergessen – mit der heutigen Version 9.1 wird der Abstand zu VMware kontinuierlich kleiner.
Was gibt es zur Hardware-Unterstützung zu berücksichtigen?
Die Herangehensweise der beiden Hersteller in Bezug auf Hardware-Kompatibilität unterscheidet sich deutlich. VMware hat eine strenge Hardware-Kompatibilitätsliste (HCL), in der nur getestete und zertifizierte Hardware empfohlen wird, um eine optimale Leistung und Stabilität zu gewährleisten. Das sorgt zwar für Qualitätssicherung, kann aber auch als bewusste Einschränkung wahrgenommen werden, um Kunden an spezifische Hardware-Anbieter zu binden, was die Gesamtkosten erhöht.
Proxmox ist hier deutlich flexibler und kann auf einer sehr breiten Palette von Hardware eingesetzt werden, einschliesslich älterer oder nicht zertifizierter Komponenten. Das kann ein grosser Vorteil sein, da Unternehmen vorhandene Hardware weiterverwenden und massive Kostenersparnisse erzielen können. Proxmox ist daher eine sehr gute Lösung für kleinere Unternehmen, die das Risiko nicht zertifizierter Hardware zugunsten der Kosteneffizienz in Kauf nehmen wollen.
Welche Unterschiede gibt es bezüglich Backup und Migration?
VMware ist grundsätzlich auf Drittanbieter-Lösungen wie zum Beispiel Veeam, Rubrik oder Commvault angewiesen. Proxmox bietet eine integrierte Backup-Lösung mit «vzdump» und eine voll integrierte Backup-Lösung mit dem Proxmox Backup Server. Seit 2024 unterstützt Veeam als einer der ersten Backup-Hersteller Proxmox VE, was Unternehmen eine bessere Backup-Strategie ermöglicht. Für den Umstieg aus bestehenden VMware-Umgebungen stellt Proxmox VE einen integrierten Import-Assistenten zur Verfügung, mit dem sich virtuelle Maschinen strukturiert migrieren lassen – ein nicht zu unterschätzender Faktor bei Transformationsprojekten.
Proxmox VE versus Nutanix Acropolis Hypervisor (AHV) – modular gegen schlüsselfertig
Der Vergleich mit Nutanix adressiert weniger den Hypervisor selbst, sondern vielmehr die Betriebsphilosophie.
Welche Unterschiede gibt es bezüglich Architektur und Betrieb?
Nutanix AHV ist eine hyperkonvergente Infrastruktur (HCI), bei der Rechenleistung, Speicher und Virtualisierung in einer nahtlosen, vollintegrierten Lösung zusammengeführt sind. Das Wertversprechen liegt in der Einfachheit und der End-to-End-Lösung. Proxmox VE verfolgt eine andere Philosophie. Proxmox VE ist eine flexible Plattform, die mit der integrierten SDS-Lösung Ceph selbst zu einer HCI-Lösung werden kann.
Das Verwalten von Nutanix AHV erfolgt über Prism Central, eine äusserst intuitive Benutzeroberfläche. Die Plattform wurde für hohe Benutzerfreundlichkeit und automatisierte Prozesse konzipiert, was den Verwaltungsaufwand für grosse Umgebungen reduziert. Im Vergleich dazu erfordert das Management von Proxmox (über ein webbasiertes Interface) einen gewissen Grad an Know-how, besonders bei der Konfiguration von Ceph-Speicher oder Software-defined Networking (SDN). Dafür bietet Proxmox aber eine vollständige Kontrolle über alle Komponenten.
Wie skalierbar sind die Lösungen und wie sieht es aus bezüglich Vendor-Lock-In?
Nutanix AHV ist optimiert für Dateneffizienz, die mit integrierten Technologien wie DeDuplizierung, Komprimierung und Erasure Coding die Speichernutzung maximieren kann. Die Skalierung erfolgt, indem man einfach weitere Nodes zur HCI-Lösung hinzufügt.
Ein Proxmox-Cluster skaliert in der Praxis problemlos auf 32 bis 50 Nodes. Die zugrundeliegende Ceph-Speichertechnologie ist theoretisch sogar auf noch weitaus grössere Umgebungen ausgelegt. Es existieren auch Berichte im Web (Link), wo Hosting-Unternehmen bis zu 5000 VMs auf Proxmox-Ceph betreiben.
Nutanix AHV bietet einen herstellergestützten Support und Wartung, was ein Gefühl der Sicherheit gibt. Im Gegenzug ist man dafür an den Hersteller gebunden. Wie bereits im Vergleich mit VMware beschrieben (s.o.), sind die Subscriptions der Proxmox Server Solutions GmbH optional.
Proxmox VE versus Red Hat OpenShift - Virtualisierung trifft Cloud-Native
Während Proxmox VE, VMware und Nutanix primär als klassische Virtualisierungsplattformen angeboten werden, stellt RedHat OpenShift eine Erweiterung zu diesem klassischen Denkansatz dar. OpenShift ist im Kern eine Enterprise-Kubernetes-Plattform, die jedoch durch technologische Entwicklungen zunehmend in das Feld von Infrastruktur-Verantwortlichen rückt. Architektur und Betriebsphilosophie der klassischen Virtualisierungsplattformen und der Enterprise-Kubernetes-Plattform unterscheiden sich fundamental. Proxmox VE, VMware und Nutanix sind mehr darauf ausgelegt, die Infrastruktur, also VMs und LXC Container, effizient zu verwalten. Bei OpenShift hingegen ist der Fokus auf dem Application-First-Ansatz. Es ist nicht die VM die im Zentrum steht, sondern die Applikation und deren Lebenszyklus innerhalb von den Containern.
Durch die Integration von KVM (ähnlich wie bei Proxmox VE) ermöglicht die OpenShift Virtualization die Ausführung von VMs innerhalb von Kubernetes-Pods. Dadurch können Unternehmen klassische Workloads und moderne Microservices auf einer einzigen Plattform betreiben. Während Proxmox über eine intuitive Weboberflache verwaltet wird, setzt OpenShift im Gegensatz dazu auf einen extrem hohen Automatisierungsgrad, der durch sogenannte Operators umgesetzt wird, welche die Installation, Updates und Skalierung übernehmen.
Zu beachten ist das Know-how. Wie bei Proxmox (insbesondere bei Ceph oder SDN) wird auch bei OpenShift ein erheblicher Bedarf an intern ausgebildetem Personal mit tiefem fachlichem Wissen benötigt. Während bei Proxmox Linux-Expertise benötigt wird, verlangt OpenShift sehr viel Kenntnis im Bereich Kubernetes und Container-Orchestrierung.
OpenShift ist ein klassisches Enterprise-Produkt. Es fallen pro Node oder Core Lizenzgebühren an, die einen umfassenden 24/7 Enterprise-Support sowie zertifizierte Sicherheitspatches beinhalten. Wie bei den meisten Red Hat Produkten existiert auch bei OpenShift ein Open-Source Zwilling mit dem Namen OKD. Dieser kann komplett kostenfrei genutzt werden. Neben einem verminderten Funktionsumfang und fehlendem Support bietet OKD auch deutlich weniger Komfort bei Setup und Konfiguration.
Unser Fazit
Es gibt keine universell richtige Virtualisierungsplattform. Die Wahl hängt von Anforderungen, Budget, Risikoakzeptanz und Betriebsmodell ab.
- Proxmox VE eignet sich besonders für kostenbewusste Organisationen, KMUs und Teams mit technischem Know-how, die Wert auf Offenheit, Flexibilität und Kontrolle legen.
- VMware vSphere bleibt eine der führenden Optionen für grosse, regulierte Enterprise-Umgebungen, die ein etabliertes, umfassendes Ökosystem, eine strikte Hardware-Kompatibilitätsliste und garantierte Support-Leistungen benötigen.
- Nutanix AHV eignet sich ideal für Unternehmen, die maximale Vereinfachung und einen schlüsselfertigen HCI-Ansatz bevorzugen und dafür eine stärkere Herstellerbindung akzeptieren. Wie bereits erwähnt, liegt das Wertversprechen von Nutanix in der Reduzierung der Komplexität und des administrativen Aufwands.
- OpenShift Virtualisierung eignet sich besonders für Unternehmen, die bereits eine Kubernetes Expertise aufgebaut haben oder sehr grosse VM Farmen betreiben. Zudem sind Kubernetes/KVM sehr verbreitet und es gibt, z.B. mit SUSE Ranger / Harvester, diverse Alternativen, was einem Vendor Lock-in stark entgegenwirkt und Flexibilität bietet.
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